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20 Jahre Tschernobyl

Die unendliche Katastrophe

Mai 1986: Der Sandkasten war verstrahlt, frische Milch gefährlich. Niemand wollte mehr den Salat im Frühbeet essen und die Eltern machten sich Sorgen, weil die Kinder die Tage zuvor im radioaktiven Regen gespielt hatten. In der Sowjetunion war ein Atomkraftwerk explodiert. // Leo Frühschütz

Am 28. April, abends um 19 Uhr 32, jagte die Nachrichtenagentur DPA eine Eilmeldung über den Ticker. Im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine „sei ein Schaden an einem Atomreaktor aufgetreten“. Zu diesem Zeitpunkt brannte der explodierte Reaktor schon seit zweieinhalb Tagen. Um 1 Uhr 23 am Morgen des 26. Aprils war ein Experiment außer Kontrolle geraten. Die Notabschaltung versagte, der Reaktorkern wurde über 2000 Grad heiß und schmolz. Der Druckbehälter explodierte, das Grafit im Reaktorkern begann zu brennen – das Unfassliche, der Super-GAU, war eingetreten.

GAU ist die Abkürzung für größter anzunehmender Unfall. GAU war das, was nicht passieren konnte, weil es so unwahrscheinlich war. Jetzt war er plötzlich da. Zuerst noch in Form kurzer bruchstückhafter Meldungen aus der Sowjet-union. Dann in Form einer Wolke aus radioaktivem Staub. Hochgewirbelt vom Feuersturm im Reaktor war sie über Süd-skandinavien, Polen und Tschechien nach Süddeutschland geweht. Mit dem Regen schwemmte es die radioaktiven Partikel auf Wiesen und Wälder, in die Vorgärten und Gemüsebeete.

Während aus der Ukraine immer entsetzlichere Details über das Ausmaß des Unglücks drangen, wiegelte die Bundesregierung zunächst ab und verpasste den nachgeordneten Behörden einen Maulkorb.

„Glaubt kein Wort!“ schimpfte Lothar Hahn, Atom-Experte des Öko-Instituts, über die „kriminelle“ Informationspolitik der Bundesregierung. Immer mehr Messwerte von Uni-Instituten und privaten Messlaboren gelangten an die Öffentlichkeit und machten das Ausmaß der Belastung deutlich. Der GAU in Tschernobyl hatte mehr Radioaktivität freigesetzt als 100 Bomben vom Hiroshima-Typ. Ein Großteil dieser Belastung stammt von radioaktiven Cäsium 137 – Atomen, deren Halbwertszeit bei 30 Jahren liegt. Sie strahlen immer noch.

Tausendfacher Tod

Die russischen Behörden versuchten lange die Katastrophe zu verheimlichen. Erst nach den Feierlichkeiten zum 1. Mai begannen sie, die Menschen aus dem Umkreis des Reaktors zu evakuieren. 350.000 Menschen wurden umgesiedelt. Noch immer gibt es um den Reaktor eine 30-Kilometer breite Sperrzone. Doch auch der Boden außerhalb der Sperrzone ist auf Dauer verstrahlt. Fleisch, Milch und Gemüse, das die Menschen dort produzieren, ist oft über die Grenzwerte hinaus belastet. Aber es gibt keine Alternativen für sie.

Mehr als fünf Millionen Menschen in der ehemaligen Sowjetunion sind durch den Super-Gau zum Teil erheblich verstrahlt worden. Am ärgsten getroffen hat es die rund 800.000 so genannten Liquidatoren, die Arbeiter und Soldaten, die den Brand im Reaktor bekämpfen mussten und später die Betonhülle um den zerstörten Reaktor bauten. Obwohl sie immer nur kurze Zeit eingesetzt wurden, bekamen viele eine lebensgefährliche Dosis Radioaktivität ab. Staatliche Stellen gehen davon aus, dass 25.000 von ihnen daran gestorben sind. Andere Schätzungen sprechen von bis zu 55.000 Toten.

Drastisch angestiegen ist in den am stärksten betroffenen Regionen Weißrusslands und der Ukraine die Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Erwachsenen. Deren Ursache ist das radioaktive Jod, das diese Menschen in den Tagen nach dem GAU mit der Nahrung aufgenommen haben. Zugenommen haben auch Infektionskrankheiten, Störungen im Immunsystem, Blutkrankheiten wie Leukämie sowie psychische Störungen. Für Hunderttausende von Menschen bestimmt die Katastrophe von Tschernobyl auch nach 20 Jahren immer noch den Alltag.

Im Westen spielt der GAU dagegen kaum noch eine Rolle. Der radioaktive Fallout von vor 20 Jahren findet sich noch in erhöhten Werten von Pilzen, Wildfleisch und Waldbeeren. Geblieben ist der damals aus wirtschaftlichen Gründen auf 600 Bequerel je Kilogramm hochgesetzte Grenzwert für Radioaktivität in Lebensmitteln. Auch in Süddeutschland lassen sich statistisch einige Krebserkrankungen nachweisen, die auf Tschernobyl zurückgehen. Doch mit den rund 100.000 Fällen von Schilddrüsenkrebs, die allein in der weißrussischen Provinz Gomel durch den GAU verursacht wurden, ist das nicht vergleichbar.

Atom-Konzerne wittern Morgenluft

Mit der Explosion in Tschernobyl zerstoben auch viele Träume der Atom-Konzerne. Zwei Jahrzehnte lang wickelten die Kraftwerksbauer vorwiegend alte Aufträge ab. Neue AKW wollte kaum jemand. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. China, Indien, Südkorea und Japan wollen die Zahl ihrer AKW deutlich aufstocken. Auch die Sowjetunion setzt weiter auf Atomkraft. In Deutschland rütteln die Energiekonzerne und Unionspolitiker immer wieder an den im Rahmen des Atomausstiegs vertraglich vereinbarten Restlaufzeiten. Liebstes Argument der AKW-Befürworter ist der Klimaschutz. Ohne AKW, so behaupten sie, müssten mehr fossile Brennstoffe verstromt werden. Das steigere den Ausstoß des Treib-hausgases Kohlendioxid.

Stimmt nicht, sagt Greenpeace. Die Umweltschützer haben errechnet, dass der Aufwand für den Uranabbau und die Brennstofferzeugung so hoch ist, dass jede in Deutschland erzeugte Kilowattstunde Atomstrom 31,4 Gramm Kohlendioxid verursacht. Das sei mehr als ein modernes Gaskraftwerk ausstoße, das neben Strom auch Wärme erzeugt. Außerdem kann ein Gaskraftwerk keinen Super-Gau verursachen. Anders als ein AKW.

Zum Beispiel Biblis B in Hessen. Der Reaktor schrammte im Februar 2004 haarscharf an einer Katastrophe vorbei. In einer Sturmnacht fielen durch Kurzschlüsse nacheinander alle fünf Stromsysteme des Kraftwerks aus. Hätten auch noch die Notstromdiesel gestreikt, wäre es zum GAU gekommen.

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