CO2-Diät // Fünfter Tag: Meuterei auf der Bounty

200922Mai
Sabine Kumm

Sabine Kumm

Sie wollen Fleisch! Da gibt’s nichts dran zu rütteln.
Dabei waren die Spaghetti gestern ein Gedicht in Rot-Weiß-Grün! Al dente gekocht, dann noch einmal in reichlich fruchtigem Olivenöl geschwenkt, und kurz vor dem Servieren mit geviertelten, kurz mit den Nudeln erhitzten Cocktailtomaten und fein geschnittenem Rucola vermischt. Als Krönung dann noch jede Menge frisch geriebener Parmesan und ein Hauch Knoblauch, Salat dazu – zum Reinlegen!

Doch allmählich macht sich Unlust breit bei meinen beiden Männern, denn am Wochenende wollen wir grillen. Und wie kann man einen Grillabend planen, bei dem nichts als Gemüse auf den Tisch kommt! Wir diskutieren schon geraume Zeit, und ich versteife mich immer mehr auf meine Fleischlos-Version. Aber vielleicht war es nicht gerade die beste Idee von mir, so eine traditionelle Familienaktion radikal mit neuen Vorzeichen zu versehen.
„Mama, zu einem Barbecue gehören Steaks und Würstchen!“ meint unser Sohn kategorisch. Er spannt seine Muskeln an und betrachtet sich im Vorbeigehen in der Glastür des Küchenschranks. „Außerdem brauche ich Eiweiß! Ich muss Masse aufbauen, damit ich in der Defence besser tacklen kann!“ Soll ich ihm jetzt etwas von Quark erzählen? Dann brennt er uns gleich in die nächste Dönerbude durch…

Sein Vater, der mich ein paar Jahre länger kennt, schweigt und gibt dem, was er gleich sagen wird, innerlich noch den letzten Schliff. Ich ahne schon, was kommt.
„Biene, es ist vollkommen sinnlos, beim Essen an den CO2-Ausstoß zu denken, wenn Du gleichzeitig den ganzen Tag den Computer laufen lässt und in allen Räumen das Licht brennt!“
Padamm! Da sind sie wieder, die Maximalforderungen, die alle kleinen Schritte zunichte machen! Abgesehen davon, dass das mit dem Licht und dem Computer maßlos übertrieben ist, heißt mein Auftrag nicht „Eine Woche im Dunkeln mit Papier und Bleistift“, sondern “Eine Woche CO2-Diät“.
Es ist immer die gleiche Art von Argumentation: „Das Türschloss ist kaputt? Reparieren lohnt sich nicht, wir lassen doch demnächst die neue Tür einbauen! Den Werkkeller aufräumen? Solange der Speicher so unordentlich ist, brauchen wir gar nicht erst damit anzufangen! Die Welt retten? Diskutieren wir erst mal die Anschaffung einer neuen!“

So funktioniert das nicht. Unser Leben ist eine große Legokiste, und wir spielen alle Teilchen durch, bis für uns ein vernünftiges Gebäude daraus wird. Zugegeben – nicht gleich der Eiffelturm. Aber ich habe keine Lust mehr, gar nichts zu tun, nur weil ich nicht auf Anhieb das siebte Weltwunder zustande bringe!
Andererseits ist keinem geholfen, wenn ich zwei Drittel unserer Wohngemeinschaft für immer verschrecke.

Also ziehe ich mich erst mal mit Telefon in mein Zimmer zurück und heule mich bei unserer Tochter aus. Die ist ökologisch deutlich zugänglicher, und als Studentin weitgehend von der Familiendynamik abgenabelt. Sie hört sich die Geschichte an, seufzt ziemlich erwachsen und meint nur: „Mama, mach doch keinen Stress draus! Wenn du vegetarisch Grillen willst, musst du Werbung in eigener Sache machen! Gib den Männern, was sie wollen, und stell lauter unwiderstehliche fleischlose Sachen dazu! Du machst doch da immer diesen einen Salat mit den Schmetterlingsnudeln, Ofenkartoffeln, Baguette mit selbst gemachter Kräuterbutter, und noch viel mehr, das mir gerade nicht einfällt…Das mögen doch alle sowieso schon – und wir haben nie darüber nachgedacht, dass da kein Fleisch dabei ist! Neulich haben wir hier vor dem Wohnheim gegrillt, und am Ende waren nur noch ein paar Sojawürstchen von den Vegetariern übrig. Die haben auch gut geschmeckt!“

Es ist, als würde eine frische Sturmböe die dogmatischen Bretter abreißen, die ich vor dem Kopf habe. Erstaunlich, wie schnell man sich so gründlich vernageln kann. Und so gehe ich erst mal ein bisschen in mich.


Manfred Loosen

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