Schon 2017 könnte Deutschland ohne Atomstrom auskommen. Die Konzepte dafür liegen auf dem Tisch. Wer den Ausstieg ernst meint, muss jetzt mit der Umsetzung beginnen. // Autor: Leo Frühschütz
Die Lichter brennen weiter, wenn 2017 Deutschlands letzter Atomreaktor vom Netz geht. Das ist keine Utopie, sondern ein realistisches Szenario. Berechnet haben es die Experten des Umweltbundesamtes. Für dessen Präsidenten Jochen Flasbarth ist der Ausstieg ein wichtiger Schritt zum eigentlichen Ziel: Deutschland soll bis 2050 seinen Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen decken. „Das ist ein äußerst ambitioniertes, aber unvermeidliches Ziel. Und: dieses Ziel ist erreichbar“, erklärte Flasbarth schon vor einem Jahr den Spitzen der deutschen Stromwirtschaft und stellte ihnen seinen Fahrplan vor: „Zuerst die Atommeiler vom Netz, dann die Kohlekraftwerke und bis 2050 aufgrund knapper werdender Ressourcen die Erdgaskraftwerke.“
Parallel dazu müssten die erneuerbaren Energiequellen ausgebaut und die Stromnetze modernisiert werden. Das sieht auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen so. Dieses Expertengremium hat der Bundesregierung im Januar 2011 „Wege zur 100 % erneuerbaren Stromversorgung“ in einem Sondergutachten aufgezeigt. Das Ziel bis 2050 zu erreichen sei „möglich, sicher und bezahlbar“ lautet das Fazit des Gutachtens. Doch die Experten können nur Vorschläge machen. Rahmenbedingungen schaffen, Weichen stellen und die Umsetzung vorantreiben, ist vor allem die Aufgabe von Politikern. Damit sich etwas bewegt und es mit dem Abund Umschalten tatsächlich voran geht, müssen alle anschieben.
Deutschland produziert Strom im Überf luss. Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien in den letzten zehn Jahren gibt es mehr Kraftwerke als gebraucht werden. Einer Kapazität von 96 Gigawatt steht eine maximaler Strombedarf von 80 Gigawatt gegenüber. Die sieben alten Atommeiler, die jetzt vom Netz gingen, und der Reaktor Krümmel, der wegen Pannen stillsteht, machen zusammen 8,4 Gigawatt Kapazität aus. Selbst ohne diese haben wir noch Überkapazitäten.
Ausbau der Erneuerbaren
Werden die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut und die in Bau befindlichen neuen Gaskraftwerke fertiggestellt, ist der Kraftwerkspark so groß, dass 2017 keine Atomkraftwerke mehr laufen müssen, um unseren Strombedarf zu decken. Im Gegenteil: Je länger die Atommeiler danach noch laufen, desto stärker behindern sie den Umbau der Stromversorgung. Denn es sind so genannte Grundlastkraftwerke, die rund um die Uhr Strom produzieren und sich nicht f lexibel steuern lassen. In einem System mit immer mehr erneuerbarem Strom schwankt die Produktion stärker, weil mal weniger Wind weht oder mehr Sonne scheint. Darauf müssen die anderen Kraftwerke f lexibel reagieren können. Atomkraftwerke können das nicht.
Windkraft: Auf hoher See
2010 deckten erneuerbare Stromquellen 17 Prozent des Verbrauchs. Um die 83 Prozent Atom-, Kohle- und Erdgasstrom zu ersetzen, müssen viele neue Kraftwerke gebaut werden, die erneuerbare Energiequellen nutzen. Die wichtigste Rolle spielen dabei Windkraftwerke auf hoher See, weil dort der Wind kräftiger und stetiger weht als an Land. Bisher sind zwei deutsche Offshore-Windparks, Alpha Ventus mit zwölf Turbinen in der Nordsee und Baltic I mit 21 Turbinen in der Ostsee, in Betrieb gegangen. Zwar gibt es viele Anträge für weitere Windparks. Doch für einen schnellen Ausbau fehlt es an geeigneten Häfen, Schiffen und den notwendigen Seekabeln. Hinzu kommt die langwierige Planung. „Pro Offshore-Park müssen bis zu zwölf verschiedene Behörden ihre Genehmigung geben und das dauert“, klagt der Bundesverband Windenergie. Andererseits bleibt mehr Zeit, in begleitenden Forschungsprojekten zu untersuchen, wie sich die Konf likte zwischen Windparks und Meeresumwelt möglichst gering halten lassen. Auch an Land finden sich noch genug Orte, an denen der Wind so stark weht, dass sich ein Kraftwerk wirtschaftlich betreiben ließe. Allerdings gibt es vor Ort oft Widerstand gegen neue Anlagen. Denn die arbeiten am effektivsten, wenn sie gut sichtbar auf Höhen, Bergkämmen oder Kuppen stehen.
Biomasse: fragwürdig
Rund ein Viertel des Ökostroms stammt derzeit aus Biomasse. Dazu zählen Gülle und Mais, die zu Biogas vergärt und dann verstromt werden, ebenso wie Kraftwerke, die Holz verfeuern oder Pf lanzenöl. Der Umweltrat beschränkt in seinen Szenarien den Anteil von Strom aus Biomasse „wegen möglicher Landnutzungskonflikte“ auf sieben Prozent. Denn die angebauten Energiepflanzen verdrängen Nahrungspflanzen, verteuern den Boden oder ersetzen artenreiche Brachflächen durch industrielle Monokulturen. Ökologisch nicht zu vertreten sind deutsche Pf lanzenölkraftwerke, die mit Palmöl aus den gerodeten Urwäldern Indonesiens betrieben werden. Gülle und pf lanzliche Abfälle zu vergären, wie das viele Bio-Bauern machen, ist dagegen ökologisch gesehen sinnvoll. Doch das Potential ist begrenzt.
Wasserkraft liegt bei den Erneuerbaren auf Platz drei. Doch diesen Rang wird sie verlieren, weil ihr Potential in Deutschland weitgehend ausgeschöpft ist. Zudem greifen neue Anlagen oft massiv in die Landschaft ein. Manche Szenarien spielen mit dem Gedanken, in großem Stil Strom aus norwegischen Wasserkraftwerken zu importieren. Würde man das dort vorhandene Potential ausbauen, könnte man den Strom 60 europäischer AKW ersetzen, hat die Deutsche Umwelthilfe ausgerechnet. Der einst teure Sonnenstrom lässt sich immer günstiger herstellen. Bis 2020 soll Solarstrom in Deutschland wettbewerbsfähig werden, hat sich die deutsche Solarwirtschaft zum Ziel gesetzt. Zehn Prozent des deutschen Bedarfs soll dann die Sonne decken. Günther Cramer, der Präsident des Bundesverbands Solarwirtschaft, weist zusätzlich auf die Vorteile der dezentralen Energieerzeugung hin: Solarstrom wird dort produziert, wo er auch gebraucht wird – auf den Dächern von Haushalten, Büros und Industriegebäuden. Und zu Zeiten, in den besonders viel Energie benötigt wird. Ganz anders lauten die Pläne des Projekts Desertec: Große solarthermische Kraftwerke erzeugen in der nordafrikanischen Wüste Strom, der nach Europa geleitet wird. 15 Prozent des europäischen Strombedarfs sollen so 2050 gedeckt werden. Hinter diesem Großprojekt stehen auch Konzerne, die bisher gut an der Atomkraft verdient haben, wie RWE, E.On oder die Deutsche Bank. Sie argumentieren, dass sich in der Wüste Solarstrom viel günstiger produzieren lasse als auf deutschen Dächern. Doch bisher gibt es Desertec nur auf dem Papier. Noch kaum genutzt wird die Geothermie. Heißes Wasser aus mehreren tausend Metern Tiefe wird angebohrt, an die Oberf läche gepumpt und zur Stromerzeugung (oder zum Heizen) genutzt. Zwar sind die Investitionskosten hoch, dafür ist das theoretische Potential groß.
Ein neues Stromnetz
Die erneuerbaren Energiequellen meist kleiner und dezentraler verteilt als die alten Atom- und Kohlemeiler. Aber sie stehen nicht dort, wo große Mengen Strom gebraucht werden. Und sie produzieren ihren Strom nicht immer rund um die Uhr. Wind- und Sonnenkraftwerke hängen vom Wetter ab. Die bestehenden Leitungsnetze sind auf die alten Kraftwerke und Strukturen ausgerichtet. „Wir müssen den Windstrom von Nord- und Ostsee zu den Verbrauchern im Süden bringen“ definiert Stefan Kohler, Präsident der halbstaatlichen Deutschen Energie-Agentur (DENA) die wichtigste Aufgabe.
Die DENA hat in einer Netzstudie berechnet, dass bis 2020 3.600 Kilometer neue Höchstspannungstrassen – so genannte 380-kV-Leitungen – gebaut werden müssten. Doch neue Masten sind bei den Menschen entlang geplanter Trassen extrem unbeliebt. Sie fürchten die elektromagnetischen Felder solcher Trassen und sehen sie als Landschaftsverschandelung. „Wir brauchen eine Akzeptanzoffensive, die bei der Bevölkerung das Bewusstsein schafft, dass Deutschland den Netzausbau braucht“, sagt deshalb Stefan Kohler. „Das fehlende Stromnetz darf nicht zum Flaschenhals werden, der den Ausbau der erneuerbaren Energien bremst.“ Eine Alternative wäre es, die umstrittenen Leitungen unter die Erde zu verlegen. Die DENA setzt für die notwendigen Freileitungen Kosten von knapp zehn Milliarden Euro an. Erdkabel würden ihren Zahlen zufolge 22 bis 29 Milliarden Euro kosten.
Neue Stromspeicher
Neben den Leitungstrassen braucht Deutschland mehr Möglichkeiten, Strom aus Wind und Sonne zu speichern. Gängigste Praxis dafür sind Pumpspeicherkraftwerke. Dabei wird in Zeiten mit viel Strom Wasser bergauf in Speicherseen gepumpt. Bei zusätzlichem Strombedarf rauscht es wieder bergab und treibt Turbinen an. Die Möglichkeiten dafür in Deutschland und Österreich sind weitgehend ausgeschöpft. Große Potentiale sehen alle Experten in Skandinavien. Norwegische Firmen planen bereits ein 570 Kilometer langes Seekabel, das Norwegen und Deutschland miteinander verbinden soll. Mit seiner Hilfe könnte vor allem Windstrom aus der Nordsee in Norwegen gespeichert werden. Die Leitungsverluste lassen sich durch die angewandet Gleichstromtechnik auf etwa fünf Prozent begrenzen. Zwischen Deutschland und Schweden existiert bereits ein solches Seekabel.
Speichern lässt sich Strom auch, indem man damit Druckluft erzeugt, sie unterirdisch speichert und später wieder verstromt. In Deutschland gibt es aber nur ein dafür geeignetes Kraftwerk. Der Bau neuer Kraftwerke und Leitungen wird einige Hundert Milliarden Euro kosten. Trotzdem werden die Kosten der Stromerzeugung inf lationsbereinigt 2050 unter sieben Cent je Kilowattstunde liegen, schätzt der Sachverständigenrat für Umweltfragen. Atomarer oder fossiler Strom wäre bis dahin wegen der stark gestiegenen Brennstoffkosten deutlich teurer. Das Fazit der Umweltweisen: „Eine lohnende gesellschaftliche Investition in die Zukunft.“ Die bekannten Umschalt-Szenarien gehen von einem Stromverbrauch aus, der 2050 etwa so hoch liegt wie heute oder noch höher. Trotzdem gilt: Je sparsamer und effizienter Strom verwendet wird, desto leichter und preiswerter wird das Umschalten. „Die Steigerung der Effizienz ist die kostengünstigste verfügbare ‚Brückentechnologie’“, schreiben die Umweltweisen. Sie schlagen der Bundesregierung vor, feste Einsparziele zu setzen und Instrumente zu entwickeln, etwa einen Fonds um Effizienzmaßnahmen in der Industrie zu fördern. Auch sollten strengere Verbrauchsgrenzen für Haushaltsgeräte eingeführt werden. Die meisten elektrischen Geräte schlucken übrigens auch im Leerlauf Strom. Wer sie vom Netz nimmt, kann viel Geld sparen, sagt das Umweltbundesamt: „Allein in Deutschland kostet der Stromverbrauch durch Leerlaufverluste pro Jahr mindestens vier Milliarden Euro.“
- Kommentar zum Thema von Ronald Steinmeye, Mit-Geschäftsführer des bioverlags
- Atomausstieg jetzt: Das kann man machen
- Näheres zum “Öko-Strom” der “normalen” Stromanbieter
- Das regelt das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG)
- Demonstrationen am Samstag, 26.03.2011
Manfred Loosen
Schlagworte: Anti-AKW-Protest, Atomausstieg


[...] gezielt abschalten Nach Meinung von Kohler gäbe es durchaus Möglichkeiten der Industrie Atomausstieg jetzt Abschalten bis 2017 « Schrot&Korn BlogDie bestehenden Leitungsnetze sind auf die alten Kraftwerke und Strukturen ausgerichtet Wir [...]
Ich freue mich, dass man sich doch geeinigt hat, die Atomkraft zu deaktivieren und sie anschließend mittels erneubaren Energien zu ersetzen. Ich bin gespannt wie lange Deutschland für den Umstieg von fossilen Energien zu erneuerbaren Energien braucht und ob auch in Zukunft wirklich alles aus erneubaren Energien erzeugt wird. Man muss wirklich aufhören, die Natur mit Schadstoffen zu vernichten und man muss auch mal an unsere Nachkommen nachdenken. Die Umweltkatastrophe in Japan hat der Regierung endlich gezeigt, dass man die Gefahr von Atomkraftwerken nicht verharmlosen darf. Ich erwarte, dass die anderen Länder genauso schnell ihre AKW’s ausschalten werden und wir so nicht mehr in Furcht vor einer Katastrophe leben müssen. Weiterhin freue ich mich, dass auch Unternehmen wie Avia die erneuerbaren Energiequellen fordern und unterstützen.
Es geht den Firmen immer nur um ihr Einkommen. Sie denken nie an unsere Umwelt, Hauptsache sie bekommen ihr Geld. Jetzt sprechen die Firmen davon, dass nicht ausreichend Elektrizität produziert würde ohne die Atomkraft, aber das ist wieder nur eine Ausrede um den Atomausstieg zu bremsen. Auch die Regierung will den Energieriesen entgegenkommen, indem sie den Kraftwerkbetreibern erlaubt, die Stromkontingente der 7 Kraftwerke, die ab sofort deaktiviert werden sollen, auf jüngere Atommeiler zu übertragen. Ich finde die großen Firmen und die Politiker sollten nicht nur auf ihren Profit achten, sondern mehr auf die Umwelt. Ich werde weiterhin gegen die Atomkraft vorgehen.
[...] “Atomkraft, nein Danke” auf Französisch In Blogs gefunden: Atomausstieg jetzt Abschalten bis 2017 « Schrot&Korn BlogDas ist keine Utopie sondern ein realistisches Szenario Berechnet haben es die Experten des [...]
Danke für den interessanten Artikel!
Ich habe neulich eine interessante Diskussion auf http://www.actionforchange.org/gesellschaft/kernschmelze-oder-klimakatastrophe/ gelesen. Da stehen auch tolle Infos über den Atomausstieg.