Belastete Bio-Linsen: Ursache entdeckt

201104Apr

Das in türkischen Bio-Linsen gefundene Glyphosat stammte aus konventionellen Linsen, vermutlich aus Kanada. Diese wurden bei der Verarbeitung durch den türkischen Lieferanten Tiryaki mit Bio-Linsen vermischt – unabsichtlich, vermutet der für Tiryaki zuständige Zertifizierer IMO GmbH. Dessen Inspektoren stellten deutliche Missstände bei der Trennung zwischen konventionellen und organischen Linsen im Bereich der Warenannahme und Lagerung fest.

Vier Wochen lang hatten IMO-Mitarbeiter die Linsenverarbeitung bei Tiryaki unter die Lupe genommen und zahlreiche Proben auf Glyphosat untersuchen lassen – sowohl aus dem Verarbeitungsbetrieb als auch von türkischen Bio-Bauern, die unangemeldet besucht wurden. Jetzt teilte IMO in einem Rundschreiben die Ergebnisse mit:

Kanada: Glyphosat erleichtert die Ernte

In keiner der bei den Bio-Bauern gezogenen Proben fand sich Glyphosat, auch nicht in den beprobten Böden. „Proben, die wir von konventionellen Linsen-Lots aus den Lagersilos von Tirjaki gezogen hatten, wiesen alle Glyphosat-Rückstände von vier bis acht mg/kg auf. Diese konventionellen Linsen stammten mit großer Sicherheit aus Kanada, nicht aus der Türkei“, heißt es in dem Schreiben von IMO (alle Zitate übersetzt aus dem Englischen vom Autor).

Vermutlich hätten die konventionellen kanadischen Farmer das Herbizid Glyphosat kurz vor der Ernte gesprüht, erklärt IMO-Geschäftsführerin Elisabeth Rüegg die hohen Rückstände. „Dann verdorrt das Grün , die Linsen reifen einheitlich ab und lassen sich leichter ernten.“

Tiryaki: Schlampereien bei der Lagerung

„Aufgrund einer Überversorgung mit Bio-Linsen, die deshalb konventionell vermarktet wurden, gehen wir nicht von einer absichtlichen Vermischung aus“, schreibt IMO GmbH. Kanadische Glyphosat-Linsen und Bio-Linsen seien während der Lagerung unabsichtlich vermischt wurden aufgrund „fehlender Aufmerksamkeit der Lagerarbeiter und mangelnder Instandhaltung von Siloklappen“. Dies habe dazu geführt, dass Silos für Bio-Linsen nicht richtig geschlossen waren, während konventionelle Linsen eingelagert wurden. Für das Befüllen der Silos (konventionell und bio) gebe es nur eine Zentraleinheit mit einem Set an Aufzügen und Förderschnecken. Noch würden die Angestellten weiter befragt und die Lagerprozesse analysiert. Sobald die Ergebnisse dieser Untersuchungen vorliegen, werde man den zuständigen Behörden einen ausführlichen Bericht vorlegen, kündigt IMO an.

IMO fordert Reorganisation des Betriebs

Im Gespräch mit dem Fachhandelsblatt “BioHandel” kritisierte Elisabeth Rüegg die Zustände bei Tiryaki in Bezug auf die Linsenlagerung als „fahrlässig“ und kündigte Konsequenzen an. Tiryaki müsse die Anlagen und Abläufe komplett reorganisieren. Die getrennte Lagerung von konventionellen und ökologischen Erzeugnisse und die Qualitätskontrolle erzeugter Ware müssten dem Stand der Technik (best practices) entsprechen. Tiryaki müsse ein entsprechendes Konzept vorlegen, das von den türkischen Behörden und IMO überprüft und nach deren Zustimmung umgesetzt werde. „IMO wird die Betriebsanlagen von Tiryaki und das Personal vor Ort inspizieren und Stress-Tests unterwerfen“, heißt es zum Schluss des Berichts. Erst wenn diese Ergebnisse vorliegen, will IMO über eine eventuelle Aufhebung der zur Zeit bestehenden Sperrung für Linsen des Unternehmens entscheiden. Andere Produkte, die über den Tiryaki-Standort Gaziantep laufen, werden mit entsprechenden Rückstandsanalysen lotweise zum Export freigegeben.

Noch bleiben offene Fragen

Der Zwischenbericht klärt die Ursache der Belastung auf und vermittelt den Eindruck, dass die Firma Tiryaki bestimmte Bio-Standards bisher nicht sonderlich ernst genommen hat. Offen bleibt vorerst noch, wie die hiesigen Händler mit bisher zurückgehaltenen Linsen verfahren sollen, die nach den vorliegenden Analysen frei von Glyphosat sind. Ist damit sichergestellt, dass es sich um Bio-Linsen handelt? Oder könnten sie auch mit rückstandsfreien konventionellen Linsen vermischt worden sein? IMO fand in allen konventionellen Proben bei Tiryaki Rückstände und geht deshalb nicht davon aus, dass es rückstandsfreie, konventionelle Linsen gibt. Der Zertifizierer hätte daher bei entsprechenden Analysen ohne Rückstände keine Bedenken, die Linsen freizugeben. Entscheiden müssen das jedoch die jeweiligen deutschen Kontrollstellen und zuständigen Behörden.

Massive Auswirkungen dürften die IMO-Ergebnisse auf die Linsen im konventionellen Handel haben. Zumindest bei kanadischen Herkünften werden sich Glyphosat-Belastungen finden lassen, bei der die Ware in der EU aus dem Verkehr gezogen werden muss. Auch wenn nun offensichtlich wird, dass es sich um ein Problem der konventionellen Landwirtschaft handelt, hat die Bio-Branche auch einen ideellen Schaden erlitten. Nicht nur wegen der Schlampereien bei Tiryaki – immerhin ein türkischer Bio-Pionier. Die Frankfurter Rundschau, die als erstes größeres Medium den Fall aufgriff, kritisierte, dass die Bio-Branche die Verbraucher nur spät und spärlich informierte. Vor allem aber sei die bereits an Endkunden verkaufte belastete Ware nicht zurückgerufen worden. Die Branche rechtfertigte dies damit, das zwar der Grenzwert weit überschritten sei, nach Behördenaussagen aber keine Gesundheitsgefahr bestehe. „Derartige Beschwichtigungen, die sich auf formale gesetzliche Vorgaben beziehen, hört man normalerweise nach Skandalen mit konventionellen Lebensmitteln“, kommentierte die Frankfurter Rundschau.


Manfred Loosen

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7 Kommentare zu „Belastete Bio-Linsen: Ursache entdeckt“

  1. Antje S. sagt:

    Einfach mal bei Wikipedia nachlesen und dann die eigenen Gedanken noch mal sortieren. Wegschmeißen braucht man die Linsen sicher nicht, denn das wäre unsinnig.

  2. Egon Meyer sagt:

    Das ist eine echte Schweinerei. Wem oder was soll man da noch glauben?? Wir Deutschen gehen davon aus, dass im Ausland mit dem gleichen Verantwortlichkeitsgrad in Sachen Bio umgegengen wird wie bei uns. Dem ist aber nicht so, wie sich schon oft herausgestellt hat. Wer will das auch zuverlässig kontrolllieren?

    Ich werde in Zukunft nur noch biologische Lebensmittel kaufen, die in Deutschland hergestellt sind, wobei es auch da wohl keine hundetrtprozentige Gewähr geben dürfte.

  3. Michael Vehmeyer sagt:

    Als Kunde von Biohändlern, habe ich mich immer fest auf die Glaubwürdigkeit verlassen und vertrete auch nach außen in meiner Familie, Freundes und Bekanntenkreis, dass hohe Maß an Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit der Biobranche. Jeder Biohändler und Produzent sollte sein Vertrauen nicht verspielen um der Branche nicht zu schaden. Denn schon jetzt hat man immer öfter das Gefühl, die hohen Preise der Produkte nicht mehr gerechtfertigt sind. Schon deshalb, weil schon vor Jahren für preisreduzierte Bioprodukte geworben wurde, wenn mehr Kunden sich für diese entscheiden würden. Dieses Versprechen wurde nicht eingehalten. Das hat schon mit Korruption zu tun.

  4. Wolfgang Rupp sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    wir kaufen in unregelmäßigen Abständen vegetarische Linseneintopf-Konserven der Marke Bruno Fischer GmbH.
    Nun wäre es aufgrund der zuvor beschrieben Kriterien gut zu wissen, ob auch belastete Linsen bei diesem Hersteller verarbeitet und in Umlauf gebracht wurden.
    Die Chargennummer der Konserven ist L351 LIT BF 11:28, mit MHD 17.12.2012.
    Können Sie dies in Erfahrung bringen?
    Für Ihre Bemühungen herzlichen Dank.

  5. Marlies sagt:

    Danke für diese Information!

    Aber wie verhalte ich mich nun richtig? Ich habe mehrere 500-g-Päckchen ALNATURA Rote Linsen (Herkunft: Türkei, haltbar bis 04.11.11) im Schrank. Soll ich die nun besser entsorgen? Wohin? In die Restmülltonne?

    Danke für eine ehrliche Antwort.

    Marlies

  6. Ingrid Theisen sagt:

    Vor allem das erwarten wir (schon immer und nicht Mode-) Bio-Käufer, die wir uns (immer noch) belächeln lassen müssen, weil wir mehr als das Geiz-ist-geil-Minimum auszugeben bereit sind für einwandfreie Lebensmittel: Daß wir wenigstens frühzeitig vorgewarnt und umfassend informiert werden, damit wir in Deckung gehen können, wenn man uns mal wieder erklärt, es lohne sich nicht, Bio zu kaufen, es sei eh alles verseucht. Am besten werden aber auch die konventionellen Käufer informiert, damit sie sich die üblichen Konventionen überhaupt vorstellen können (Welcher anständige Charakter käme auf die Idee, kurz vor der Ernte Gift zu spritzen?). Aus meiner Sicht gibt es keine Alternative zur (gnadenlosen) Offenheit.
    Schöne Grüße
    I. Theisen

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