Nach Fukushima neue Strahlen-Grenzwerte?

201123Sep

Kann ich noch Grünen Tee trinken? Wie erkenne ich, ob Reis aus Japan kommt? Seit dem Reaktor-Unfall in Fukushima melden sich viele Menschen bei der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, die Angst vor strahlenbelasteten Lebensmitteln haben. Ohne Zweifel, so Foodwatch, werden die Japaner langfristig großen Belastungen durch kontaminierte Lebensmittel ausgesetzt sein. In Europa gebe es nach wie vor keine Hinweise darauf, dass hoch belastete Produkte aus Japan im Handel seien. Umso mehr frage sich Foodwatch, welche Ziele die Europäische Union mit ihren Grenzwerten verfolge: Diese seien ohne Not so hoch angesetzt, dass sie die Einfuhr und den Verzehr radioaktiv belasteter Nahrungsmittel erlaubten. Und das, obwohl genügend unbelastete Lebensmittel verfügbar seien – niemand sei auf radioaktiv belastete Nahrung angewiesen.

atomkraft_nein_danke_klein1Selbst in den von Tschernobyl betroffenen Staaten Weißrussland und Ukraine gelten strengere Höchstgrenzen als in der EU, so Foodwatch – mit der Folge, dass Lebensmittel, die dort wegen ihrer Strahlenbelastung nicht mehr gehandelt werden dürfen, legal in der EU verkauft werden können.
Foodwatch fordert die Menschen dazu auf, sich jetzt strengere Grenzwerte einzusetzen, um dieser „absurden Situation“ ein Ende zu machen. Die Protestaktion an die Bundesregierung und die zuständigen EU-Kommissare kann man auf www.foodwatch.de/aktion-strahlenschutz unterschreiben.

Ein Report, den Foodwatch und die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) in Berlin vorgestellt haben, kommt zu dem Schluss: Mit ihren aktuellen Grenzwerten akzeptiert die EU theoretisch allein für Deutschland eine Zahl von mindestens 150.000 zusätzlichen Todesfällen pro Jahr – angenommen, die Bevölkerung würde sich ausschließlich von Produkten ernähren, die in Höhe der Grenzwerte belastet sind. Würden diese Grenzwerte lediglich zu fünf Prozent ausgeschöpft, bedeutete dies immer noch mindestens 7.700 zusätzliche Todesfälle durch Krebs infolge der Strahlenbelastung von Lebensmitteln.

Solche theoretischen Überlegungen müsse die Politik anstellen, wenn sie Grenzwerte erlasse, fordert Foodwatch. Wer einwende, dass die Grenzwerte in der Realität ja gar nicht ausgeschöpft würden: Dann gebe es erst recht keinen Grund, die gesetzlichen Limits nicht strenger festzusetzen. Denn jede auch noch so geringe Strahlenbelastung bedeutete ein gesundheitliches Risiko, weil sie ausreiche, um schwere Erkrankungen wie Krebs auszulösen. Es gebe deshalb keine „sicheren“ Grenzwerte.

Für andere Strahlenquellen – zum Beispiel den Betrieb von Atomkraftwerken – erlaube die deutsche Strahlenschutzverordnung nur eine viel geringere Belastung, als sie die EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel zulassen, sagt Foodwatch. Die hohen Grenzwerte widersprächen zudem EU-Recht, das einen vorsorgenden Gesundheitsschutz vorschreibe. Foodwatch und die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) fordern deshalb:

  • „Die Grenzwerte für die Belastung von Nahrungsmitteln mit Cäsium müssen drastisch reduziert werden – und zwar von derzeit bis zu 600 Becquerel Cäsium pro Kilogramm auf maximal 16.
  • Für die Belastung von Nahrungsmitteln mit radioaktivem Jod-131, das eine sehr kurze Halbwertszeit hat, muss die Null-Toleranz gelten.
  • Im Normal- wie im Katastrophenfall muss ein einheitliches Grenzwertregime gelten. Bislang kann die Europäische Kommission nach einem atomaren Unglück – wie bei Fukushima zunächst geschehen – die Grenzwerte für Nahrungsmittel lockern, und zwar im Alleingang und ohne jede parlamentarische Kontrolle. Das muss beendet werden!“

Manfred Loosen

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