Reaktionen auf Antibiotika-Skandal

201213Jan

Bundesministerin Ilse Aigner hat nach Bekanntwerden der problematischen Funde in Hähnchenfleisch Änderungen im Arzneimittelgesetz vorgeschlagen. Diese Pläne reichen nach Ansicht des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) aber nicht aus. “Denn sie bekämpften nicht die Ursache für den hohen Antibiotikaeinsatz in der konventionellen Tierhaltung sondern nur die Symptome”, stellte Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des BÖLW fest.

Die Ursache für den massiven Antibiotikaeinsatz liege, sagte Löwenstein, in einer industriellen Tierhaltung mit inakzeptablen Haltungsbedingungen in immer größeren Beständen, die sich zudem regional konzentrierten. Dadurch nähmen einerseits der Krankheitsdruck und andererseits die Auswirkungen eines Krankheitsausbruches stark zu, so Löwenstein. “Das eigentliche Problem seien die falschen Weichenstellungen in der Landwirtschaft”, betonte er.

Es sei deshalb höchste Zeit, dass die Subventionen für die industrielle Tierhaltung gestrichen würden und die Agrarstrukturpolitik so gestaltet werde, dass sie eine weitere Ausdehnung der industriellen Tierhaltung stoppe, forderte Löwenstein. Gefördert werden müsse hingegen eine Landwirtschaft mit flächengebundener Tierhaltung und eigener Futterversorgung: ein Prinzip, wie es der ökologische Landbau bereits verwirkliche. Das sei Voraussetzung, um zu einer wirklichen Reduktion des Antibiotikaeinsatzes zu gelangen. Einmal mehr stehe Ministerin Aigner in der Pflicht, zu bekennen, für welche Art von Landwirtschaft sie stehte, sagte Löwenstein.

An den vorgelegten Vorschlägen kritisierte der BÖLW, dass sie kein wirksames Verbot von Humanantibiotika in der Tierhaltung, kein klares Reduktionsziel für Antibiotika und keine Verpflichtung für Tierärzte, vor Verordnung eines Antibiotikums einen Test des Krankheitserregers durchzuführen, enthielten.

Für eine umfassende Reform der Agrarpolitik rief der BÖLW gemeinsam mit vielen anderen Organisationen zu einer Großdemonstration auf, die unter dem Motto “Wir haben es satt – Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ am 21. Januar anlässlich der Grünen Woche in Berlin stattfinden wird.

Tipps für Verbraucher vom aid-Infodienst

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stuft den massiven Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung als bedenklich ein. Die BUND-Funde seien nichts Neues, sie bestätigten im Rahmen des Zoonosen-Monitorings 2009 erhobene Daten zur Resistenzsituation von Zoonoseerregern und anderen Keimen. Das BfR begrüßt das vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz vorgelegte Maßnahmenpaket zur Verminderung des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung; der BUND hält es für nicht weitreichend genug.

„Bis das Maßnahmenpaket greift und solange sich die Haltungsbedingungen für Masthähnchen nicht wesentlich ändern, bleibt Verbrauchern, die weiterhin Hähnchenfleisch essen möchten nur, sich an strenge Hygieneregeln zu halten“, heißt es in einer Mitteilung des aid-Infodienstes. So könne man das Risiko verringern, sich mit Keimen zu infizieren, die über das Geflügelfleisch übertragen würden. Diese praktischen Tipps gibt der aid: „Beim Einkauf von tiefgekühltem Hähnchenfleisch darf die Kühlkette nicht unterbrochen werden. Das heißt, die Ware sollte in einer Kühltasche möglichst umgehend nach Hause gebracht und dort bis zur Verarbeitung gekühlt aufbewahrt werden.
Tiefgekühltes Hähnchenfleisch ohne Verpackung im Kühlschrank auftauen lassen und das Auftauwasser entsorgen. Das Fleisch unter fließendem Wasser abspülen, mit einem ‘Einwegtuch’ abtupfen. Verpackung, Auftauwasser und Tuch sorgfältig entsorgen.

Alle Arbeitsgeräte, die mit dem Fleisch in Kontakt kommen, sofort mit heißem Wasser spülen und niemals für die Verarbeitung anderer Lebensmittel verwenden.
Also: Nicht mit dem Messer erst das Fleisch und dann Gemüse schneiden. Auch das Schneidebrett nicht für andere Arbeitsgänge verwenden, sondern sofort heiß abspülen.

Das Fleisch bei gleichmäßiger Temperatur durchgaren bis der austretende Fleischsaft klar ist. Erst bei über 70 Grad Celsicus für mindestens zwei Minuten werden Keime ausreichend abgetötet. Und: Hände waschen nicht vergessen.“

Vier Pfoten kritisiert neuen Antibiotika-Plan

Die eigentliche Ursache der standardmäßigen Antibiotika-Abgabe werde mit dem neuen Plan von Landwirtschaftsministerin Aigner nicht bekämpft, kritisierte die Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Den Tieren würden nur deswegen so viele Medikamente verabreicht, weil diese sonst die Qualen der Mastanlagen nicht überlebten und vor der Schlachtung stürben. Vier Pfoten forderte, die Anzahl der gesetzlich erlaubten Tiere pro Quadratmeter in den Mastanlagen massiv einzuschränken. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, will Aigner den Einsatz von Antibiotika stärker kontrollieren und Tierärzte dazu verpflichten, alle Daten an die Überwachungsbehörden zu übermitteln. Nach Meinung Vier Pfotens werde die bloße Überarbeitung des Arzneimittelgesetzes die Bevölkerung auch in Zukunft nicht ausreichend vor resistenten Keimen schützen.

Der industriellen Tierhaltung müssten endlich Grenzen gesetzt werden, sagte Kampagnenleiterin Dr. Martina Stephany von Vier Pfoten. Die Mäster verfütterten ja nur deshalb massenhaft Penizillin, Neomycin und Toxicyclin, damit die Tiere die wenigen Wochen bis zum Tod im Schlachthof überhaupt überstünden. „Aufgrund der extremen Leistungszucht und der schlechten Haltungsbedingungen sterben schon vor der Schlachtung allein in deutschen Hühnermastanlagen pro Jahr 30 bis 45 Millionen Tiere“, sagte die Vier-Pfoten-Sprecherin. Langfristig gesehen sei die Abschaffung der Intensivtierhaltung die einzige Möglichkeit, um Menschen und Umwelt vor resistenten Keimen zu schützen.

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