Ein Jahr nach der EHEC-Epidemie – Viele Fragen offen

201218Mai

Vor einem Jahr begann die EHEC-Epidemie, die 53 Menschen das Leben kostete. Bundesernährungsministerin Ilse Aigner nutzte den Anlass, um ihre Politik zu loben. Verbraucherorganisationen und Ernährungsindustrie zeigten sich weniger zufrieden. // Leo Frühschütz

Der EHEC-Ausbruch vor einem Jahr sei durch eine gemeinsame Anstrengung „bestmöglich bewältigt“ worden, teilten Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr zum Jahrestag der Epidemie mit. Trotzdem habe man umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung beschlossen.

 Gesetz hängt im Vermittlungsausschuss

Ein Gesetz soll das Meldewesen nach dem Infektionsschutzgesetz auf eine einheitliche elektronische Basis stellen und damit beschleunigen. Es legt zudem gesundheitliche Anforderungen für Personal fest, das gewerblich mit Sprossen und Keimlingen zum Rohverzehr zu tun hat. Außerdem regelt es den Datenaustausch zwischen den Gesundheitsämtern und den örtlichen Lebensmittelüberwachungsbehörden bundeseinheitlich. Im Moment liegt der Gesetzentwurf im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat.

Darüber hinaus beraten Bund und Länder darüber, dauerhaft eine Task Force Lebensmittelsicherheit mit Experten beider Seiten einzurichten. Sie wird voraussichtlich von der Verbraucherministerkonferenz im Herbst 2012 beschlossen werden. Der Bundesrechnungshof hatte bereits im Herbst 2011 in einem von Aigner in Auftrag gegebenen Gutachten umfangreiche Reformen vorgeschlagen. Jedoch waren die Länder nicht bereit, die dafür notwendigen Kompetenzen an den Bund abzugeben. Die Task Force wird deshalb keinen direkten Durchgriff auf untere Behördenebenen haben. Die EU berät nach Aussagen Aigners schärfere Hygieneanforderungen und eine Zulassungspflicht für Sprossenbetriebe sowie strengere Einfuhrvorschriften für Produkte aus Drittländern.

Foodwatch: Nichts hat funktioniert

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hingegen bezeichnete die EHEC-Bilanz der beiden Minister als einen „Fall von Geschichtsklitterung“. Zu Beginn der EHEC-Epidemie Anfang Mai 2011 hätten weder das Frühwarnsystem funktioniert noch die behördliche Zusammenarbeit. „Am 23. Mai, als sich bereits 3.500 Menschen und damit 90 Prozent aller Erkrankten infiziert hatten, lag dem zuständigen Robert-Koch-Institut des Bundes lediglich eine einzige Erkrankungsmeldung vor“, schreibt Foodwatch in einer Analyse der EHEC-Krise. Als Anfang Juni die zentrale Bund-Länder-Task-Force eingesetzt worden sei, habe das „kaum noch Einfluss auf den Verlauf der längst abgeschwächten Epidemie“ gehabt. Bis heute fehle eine umfassende Analyse des Geschehens.

Kein Beleg für die Sprossen-These

„Für die These, dass der EHEC-Erreger über verunreinigte Bockshornklee-Samen aus Ägypten importiert und über einen Bio-Sprossenerzeuger im niedersächsischen Bienenbüttel verbreitet wurde, gibt es zwar Hinweise, aber keinen Beleg“, schreibt Foodwatch. Der Keim sei nie auf Bockshornkleesamen nachgewiesen worden. Die These stütze sich auf nur rund 300 der mehr als 3.800 Erkrankungsfälle. Offen sei, warum nicht auch andere Lieferungen aus der mutmaßlich kontaminierten Samen-Charge zu Erkrankungen geführt hätten. Fazit: „Es ist völlig unklar, woher der Erreger kam und ob er wieder virulent werden kann.“

Als Konsequenz fordert die Verbraucherorganisation, die Hygiene- und Überwachungsstandards für sensible Rohkost wie Sprossen oder vorgeschnittenen Salat denen für leicht verderbliche tierische Lebensmittel anzupassen.  Die Meldefristen müssten weit über die von der Bundesregierung vorgesehenen Fristen hinaus verkürzt werden. Die von der EU bereits seit 2005 gesetzlich vorgeschriebene Rückverfolgbarkeit müsse endlich durchgesetzt werden.

Wirtschaft will eingebunden werden

Kritik an Aigners EHEC-Bilanz gab es auch vom Fruchthandelsverband: „Hätte man die Wirtschaft eingebunden, hätten wir die Ursache schneller gefunden”, sagt dessen Vorsitzende, Andreas Brügger, der Lebensmittelzeitung. Zu spät oder gar nicht habe man die betroffene Wirtschaft überhaupt informiert. Bis heute leide der Obst- und Gemüsebereich aufgrund des EHEC-Ausbruchs dauerhaft an einer Preiskrise.

 

 


(rsk)

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2 Kommentare zu „Ein Jahr nach der EHEC-Epidemie – Viele Fragen offen“

  1. http://www.hcg-drops.ca...

    Ein Jahr nach der EHEC-Epidemie – Viele Fragen offen « Schrot…

  2. Egon sagt:

    Um es vorweg zu sagen: Ich will hier nicht provozieren!!!!!!!!!

    Und ich bin KEIN Gegner von Bio-Produkten!!!!

    Ich finde es z.B. gut, dass in der biologischen Tierhaltung auf den Tierschutz geachtet wird, daher kaufe ich fast nur Bio-Fleisch.

    Aber:
    “Der Keim sei nie auf Bockshornkleesamen nachgewiesen worden.”

    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/freispruch-fuer-gurken-tomaten-und-salat-ehec-erreger-auf-sprossen-nachgewiesen-1657513.html
    “Freispruch für Gurken, Tomaten und Salat

    Ehec-Erreger auf Sprossen nachgewiesen

    11.06.2011 · Die gefährlichen Ehec-Erreger vom Typ O104 sind auf Sprossen aus dem Bio-Betrieb im niedersächsischen Bienenbüttel nachgewiesen worden. Sie wurden in der Mülltonne einer Familie gefunden, in der zwei Ehec-Erkrankungen registriert worden waren.”

    Wenn auch nur ein geringer Teil einer einzige Charge infiziert war, ist es auch kein Wunder, dass man direkt auf dem bienenbüttler Hof nichts gefunden hat.

    Und ich möchte darauf hinweisen, dass auch eine Mitarbeiterin des bienenbüttler Bio-Bauernhofs an EHEC erkrankt war:

    http://www.az-online.de/nachrichten/landkreis-uelzen/bienenbuettel/not-operation-lueneburg-1275313.html

    “Bienenbüttel. Fünf bestätigte EHEC-Erkrankungen gibt es bislang im Landkreis Uelzen – einer davon ist eine 54-jährige Frau, die auf dem Bienenbütteler Gärtnerhof arbeitet.
    ……
    Die Mitarbeiterin des Bio-Betriebs war bereits Anfang Mai im Lüneburger Klinikum operiert worden. Ihr mussten laut Medienberichten nach einer dramatischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes zwei Drittel des Dickdarms entfernt werden, inzwischen befinde sie sich laut Klinikleitung auf dem Weg der Besserung und könne womöglich schon Ende der Woche aus demKrankenhaus entlassen werden.”

    Bei 80 Millionen Einwohnern in Deutschland ist Das ein ziemlich großer Zufall…. Bei ca. 4000 Erkrankungen und 15 Mitarbeitern in Bienenbüttel liegt die theoretische Wahrscheinlichkeit bei 0,075%, also 1 zu 1333 .

    “Offen sei, warum nicht auch andere Lieferungen aus der mutmaßlich kontaminierten Samen-Charge zu Erkrankungen geführt hätten. Fazit: „Es ist völlig unklar, woher der Erreger kam und ob er wieder virulent werden kann.“”

    Lesen sie bitte diese beiden Forums-Kommentare:

    http://forum.spiegel.de/f22/betrieb-bienenbuettel-wir-sind-immer-noch-der-ehec-hof-59648.html#post10085229

    und

    http://forum.spiegel.de/f22/betrieb-bienenbuettel-wir-sind-immer-noch-der-ehec-hof-59648.html#post10084613

    Frage:
    Stimmt es, was die Autoren lisahaehnle und manni0815 da geschrieben haben?
    (Die Sachen mit der Oberflächensterilisation, der Latrine, dem selbst vermehrtem EMA und dem Löschkalk?)

    Ich glaube auch nicht, dass EHEC durch Antibiotika in der Landwirtschaft entstanden ist.

    Denn der Bakterienstamm EHEC O104:H4 weist zu 93% eine genetische Gemeinsamkeit mit dem EAEC-Stamm aus Zentral- Afrika auf, welcher NICHT bei Tieren vorkommt.

    Das BfR geht davon aus, dass die Sprossen nicht (!) durch Tiere infiziert wurden:

    http://www.animal-health-online.de/lme/2011/06/09/6312/6312/
    “BfR: EHEC-Erreger kommt wahrscheinlich vom Menschen; 93% Ähnlichkeit mit humanen EAEC

    Berlin (lme) – Eine neue Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) hält es für “wahrscheinlich”, dass die gefährlichen EHEC-Erreger vom Menschen auf die Lebensmittel gelangten. Somit wäre auch die Theorie vom Tisch, dass Gemüse auf den Feldern über Dünger von Tieren (Rinder) verunreinigt wurde.”

    http://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zur_herkunft_des_enterohaemorrhagischen_e__coli_o104_h4-70869.html .

    MfG

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